Ein Essener in Köln

„Rut und wiess wie lieb ich dich“, ist nicht nur altgedientes Kölsches Liedgut, sondern beschreibt auch meine interurbane Verbundenheit zu „Rot-Weiss“ aus meinem rheinländischen Exil ganz passend. Aufgewachsen in Köln, lag es zunächst an meinem aus Essen stammenden Vater, mich mit dem RWE Virus zu infizieren. Eine Aufgabe, derer mein Vater auch bei redlichstem Bemühen zunächst nicht nachzukommen vermochte. Während in der Saison 2004/2005 ein gewisser Erwin Koen für RWE auf Torejagd ging, lief ich lieber als kleiner „Panz“ im goldenen Roy Maakay Trikot des FC Bayern herum. Rückblickend die dümmste Idee seit Christoph Daums Haarprobe. Ebendieser Christoph Daum sollte dann auch seinen Anteil daran haben, dass ich mich heute jedweder bajuwarischen Sympathie vollends entledigt habe und endlich das eintrat, was meinem Vater in neun Jahren fussballerisch nachlässiger Erziehung nicht gelang.

Am 18.02.2007, schickte eine seit sechs Spielen sieglose Essener Truppe, die selbsterklärten Aufstiegsaspiranten des 1. FC Köln mit 5:0 in eine epochale karnevalistische Depression. Dies war Balsam auf die geschundene Seele eines eigentlich erfolgsverwöhnten Grundschülers aus dem Kölner Norden, der sich trotz der regelmäßigen Titelgewinne seines FCB, mit neidvollen Attacken statt lobender Anerkennung seiner Mitschüler auseinander zu setzen hatte. Da auch die Hinweise auf die unterschiedliche Ligenzugehörigkeit meinerseits überraschend wenig Umdenken bei den zahlreichen „Effzeh“-Fans in der Klasse hervorrief, hatte ich an Montagen, an denen die Kölner gewannen, einen schweren Stand im allwöchentlichen Stuhlkreis der 3b.

Dies änderte sich dann mit dem, bis heute für einige Kölner traumatischen, Kantersieg des RWE. Intensiv setzte ich mich daher in den folgenden Wochen mit der Frage auseinander, wie es diese amateurhaften Essener zustande gebracht hatten, den ganzen Kölnern endlich einmal das große Mundwerk zu stopfen. Fortan beschloss ich also, meinen Vater auf seinen Wochenend-Ausflügen zu begleiten um der Sache einmal auf den Grund zu gehen. Gut erinnere ich mich dabei an die 0:2 Heimpleite gegen die „falschen“ Münchner von 1860, einige Wochen nach dem fulminanten Sieg über Köln. Da ich schon vorher einige Bayern Spiele live gesehen hatte, war es mir völlig unbegreiflich, in welchem Umfang es scheinbar möglich und erlaubt war, eine über die volle Spielzeit durchgehende derartige Geräuschkulisse zu schaffen. Völlig elektrisiert beschloss ich noch auf der Heimfahrt, dass ich ab jetzt RWE Fan sein wollen würde. Fortan hießen meine Helden nicht mehr Kahn, Schweinsteiger und Makaay, sondern (jetzt bitte stark sein) Zaza, Kiskanc und Okoronkwo.

Was also bleibt von diesem plötzlichen und heftigen Sinneswandel? Hat er mich bereits in den frühen Jahren der kindlichen Illusion einer gerechten Welt beraubt (Stichwort: Lizenzentzug, haufenweise Gegentore in der Nachspielzeit, Olaf Janßen als Sportdirektor). Wohl eher nicht. Vielmehr habe ich im und ums Stadion herum viele der aufrichtigsten und nettesten Menschen kennengelernt (was auch mein Portemonnaie-Verlust beim Heimspiel gegen Lippstadt beweist, welches von einem ehrlichen Finder mit vorhandenem Bargeld abgegeben wurde – danke dafür nochmal, lieber Finder!). Ich habe vielleicht weniger Blut, dafür umso mehr Schweiss und Tränen für den Verein vergossen und bin hier, mitten auf W2, zwischen meinen Jungs, zuhause.

In diesem Sinne: Nur der RWE

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Dum spiro, spero…

…zu Deutsch: ,,Solange ich atme, hoffe ich“, ist ein Zitat des ehemaligen römischen Philosophen Cicero und beschreibt ziemlich präzise die routinemäßig einkehrende Gemütslage der Anhängerschar von Rot-Weiss Essen.

Zuverlässig wie ein Schweizer Uhrwerk schaffen es die Roten nämlich Jahr für Jahr, die Saison so kräftig zu vergeigen, dass man sich schon Anfang Februar an einem verregneten Freitagabend irgendwo in Ostwestfalen schwört, nicht ein weiteres Spiel dieser Trümmertruppe zu besuchen. Und dann, wenn man sich gerade damit abgefunden hat die restliche Rückrunde mit Betriebsbadminton, Frühjahrsputz und Gartenarbeit zu überbrücken, ja dann passiert wieder irgendetwas, weshalb man sich Samstags um 14 Uhr doch mit Stauder und Bratwurst bei Rot-Weiss wiederfindet. Sei es ein Trainerwechsel (oder gleich zwei), ein halbwegs gelungenes Auswärtsspiel in der Woche zuvor gegen Erndtebrück oder ein Derby gegen einen der „großen“ Rivalen, irgendwo ist diese beschwörende Stimme im Hinterkopf, die einem mitteilt, dass heute alles besser werden könnte. Naivität schmeckt eben besser als Vernunft. Aber ist das wirklich so sinnvoll?

Wäre es nicht einfacher, wenn wir uns – jeder für sich – mal einen Moment nehmen und uns mit den kalten, harten Fakten nüchtern auseinander setzen?

RWE spielt inzwischen im siebten Jahr in der Regionalliga. Bis auf eine äußert glückliche Hinrunde unter Fascher sind wir den Top-Drei Plätzen nicht einmal so nah gekommen wie Harvey Weinstein jüngeren… ach lassen wir das. Die Stimmung im Stadion ist bis auf wenige Ausnahmespiele irgendwo zwischen Sarkasmus, Lethargie und Lustlosigkeit angelangt. Pro Saison haben wir im Durchschnitt mehr Trainer als funktionierende Boxen auf der Westtribüne. Die stolze Hafenstraße ist verkommen zu einem Punkte-Selbstbedienungsladen für Bonn, Wiedenbrück und Rödinghausen. Noch immer scheint keiner unserer Jungs in den erlesenen Genuss des Herberg’schen Wissens gekommen sein, dass ein Spiel 90 Minuten dauert. Kein Wunder, dass die Zuschauerzahlen kontinuierlich gesunken sind. Statt positiver und belebender Streitkultur innerhalb des Vereins finden die Auseinandersetzungen mit geschassten Verantwortlichen wie Uwe H. und Andreas W. zunehmend auf juristischer Ebene statt. Noch immer fehlt ein potenter Hauptsponsor, der sich ebenso durch ehrgeizige sportliche Ziele, als auch durch Verbundenheit zur Identität unseres Vereins auszeichnet. Und dann ist da dieses unglaubliche Selbstverständnis vom schlafenden Riesen, das soweit von der Realität abfällt, dass es nicht verwunderlich wäre, wenn Donald Trump eine Tweet hierüber absetzen würde.

So sehr mir auch an der Rentabilität lokaler Gaststätten gelegen ist, soll dieser Blogeintrag nicht dazu verleiten, nun die nächste Kneipe aufzusuchen und sich im Angesicht dieser dystopischen Aussichten die Synapsen mit feinstem Stauderpils zu betäuben. Denn wie so oft im Leben, hat die Medaille zwei Seiten:

Abgesehen von der durchweg enttäuschenden Saison unserer Senioren, hat es die Rot-Weisse Jugend geschafft, mit einem Doppelaufstieg den Grundstein für weitere Erfolgsgeschichten wie die von Timo Becker zu legen. Seit langem mal wieder haben wir es hinbekommen, gerade mit ebenjenem Becker und ( zumindest in der Rückrunde) Harenbrock vielversprechende Talente einzubinden, die wenig Geld kosten und dafür gute Leistungen liefern. Es müssen eben nicht immer die Spieler mit dem Prädikat „hat mal höherklassig gespielt“, „weist über ___ Spiele in der ___-Liga auf“ oder „spielte früher in der Jugendauswahl von…“ sein.

Leider ist es inzwischen Usus geworden, dass Spieler stets so angekündigt werden, als hätte RWE mit ihnen die eine Müllermilch gekauft, unter deren Deckel die 10.000 Euro warten (der guten Ordnung halber weise ich darauf hin, dass auch Konkurrenzprodukte wie von Landliebe -darf man das noch sagen?- oder Ehrmann sicher ganz wunderbar sind).

„Mit ihm kommt ein erfahrener Mann an die Hafenstraße, der bereits Zweitliga- und Auslandserfahrung hat“, hört sich natürlich besser an, als „hat vor 10kg und seinen drei Bänderverletzungen mal drei Kurzeinsätze für Pusemuckel in der zweiten Bundesliga (ein Eigentor) bestritten, bevor er in die dritte dänische Liga verliehen wurde“. Das ist ja auch der Job der Verantwortlichen, Hoffnung zu machen um Sponsoren zu binden und die Fans ins Stadion zu locken. Denn wenn man innerhalb des Vereins nicht mehr an bessere Zeiten glaubt, dann kann man den Laden gleich zu machen.

Was am Ende halt immer passen muss ist die Leistung der Mannschaft. Und auch hier gibt es Licht am Ende des Tunnels. Die Leistungen der letzten Wochen zeigen eine klare Aufwärts-Tendenz. Neitzel scheint stand jetzt, die Truppe emotional belebt zu haben (Vorschusslorbeeren verteile ich seit einem griechischen Provinztrainer aus dem Frankenland eigentlich ungern) und endlich stimmen die Ergebnisse, vor allem daheim. Die bisher getätigten Transfers erscheinen durchdacht und haben das Potential, tatsächlich weiterzuhelfen. Trotz teils schmeichelhafter Auftritte hat es die Mannschaft auch in diesem Jahr wieder ins Finale des Niederrheinpokals geschafft. Aber, das meiner Meinung nach Entscheidende: Michael Welling hat an Marcus Uhlig einen seriösen, strukturierten Verein übergeben, auf dessen Grundgerüst ohne großartige Nachbesserungen gebaut werden kann. Zum Leidwesen der Welling-Kritiker möchte ich noch einmal seinen enormen Verdienst herausstellen, dass RWE selbst in der sportlichen Tristesse durchgehend krisenfester als in so manchen Zweitligazeiten wirkte. Insgesamt ist ein Netzwerk aus vielen mittelständischen Sponsoren entstanden. Die Mitgliederzahlen suchen ligaweit ihres gleichen und RWE hat sich den Ruf eines nachhaltig wirtschaftenden Fußballclubs erworben, der in Zukunft auch für potentielle Investoren attraktiv ist. Nun liegt es an den Herren Uhlig, Lucas und Neitzel auch sportlich nachzulegen. Dabei kann man ihnen nur ein glückliches Händchen wünschen, denn am Ende hängt einfach auch viel von Verletzungen, Psychologie und sonstigen Faktoren ab.

Und nun?

Die Frage inwieweit man angesichts der aufgeführten Auflistungen an eine erfolgreichere Spielzeit glaubt oder nicht muss sich jeder selbst beantworten. Ich versuche es mal mit meinem Blick über den Tellerrand:

Das Schlechte vorweg: Rot-Weiss wird auch im nächsten Jahr nicht aufsteigen. Dass der Liga nächstes Jahr ein gesicherter Aufstiegsplatz zusteht ändert daran nicht viel. Im Gegenteil: Sollte Uerdingen erwartungsgemäß den Aufstieg schaffen, bleiben noch viele finanziell überlegenen Konkurrenten. Es ist davon auszugehen, dass der zunehmend altersgrame (ist das überhaupt ein Wort?) Wernze noch einmal kräftig investiert. Daneben dürften auch die „Amas“ vom BVB höhere Ziele verfolgen, und dass es sowohl in Höhenberg als auch an der roten Erde nicht am Zaster mangelt, ist hinlänglich bekannt. Geld schießt zwar manchmal keine Tore, aber Tradition eben auch nicht. Wir sollten uns bewusst machen, dass Rot-Weiss diese Saison unterer Durchschnitt ist und die letzten Jahre zeigen, dass dies auch kein negativer Ausreißer ist. Wenn wir jetzt noch mindestens einen starken Mittelfeldspieler und Außenverteidiger holen, traue ich uns eine Platzierung zwischen Platz Drei und Fünf zu.

Ein bisschen Realität muss es dann leider doch manchmal sein. Und dennoch: Solange ich atme, hoffe ich.